Historischer Verein Andernach e.V.
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Vortrag von Prof. Wolfgang Schmid, Universität Trier
Heilige als Fürsprecher bei Krankheiten im Mittelalter
Während unsere Gesundheitsministerin Warken sich angesichts einer Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu drastischen Sparmaßnahmen genötigt sieht, hätte der Mensch im Mittelalter nur davon träumen können im Krankheitsfall durch Arzt und Krankenhaus versorgt zu sein. Stattdessen setzte man auf Heilkräuter und empirisches Wissen der Vorfahren, Ärzte, die noch wenig medizinisches Wissen hatten, gab es allenfalls für Reiche. Krankheiten wurden als Strafe für Sünden gesehen, so dass man lange Wallfahrten als Buße auf sich nahm und auf die Fürsprache von Heiligen setzte.
Herr Prof Schmid aus Trier wusste mit diesem Thema die Zuhörerschaft des Historischen Vereins zu fesseln. Zur „Heiligsprechung“ von besonderen Gläubigen war ein Märtyrertod hilfreich und natürlich Wunder, die offensichtlich durch Fürsprache jener Heiliger geschehen sind. Mit der Überlieferung dieser Geschichten nahmen die mittelalterlichen „Autoren“ und auch die mündliche Tradierung es nicht ganz so eng, eine gute Geschichte war immer besser als die historische Suche nach Fakten. Je nach Todesart empfahlen sich die Heiligen für bestimmte Krankheiten, wenn also beispielsweise der HL. Damian durch Enthauptung den Märtyrertod erlangte, war er offensichtlich bei Kopfschmerzen die richtige Adresse. Bei Zahnschmerzen betete man zur Hl. Apollonia von Alexandria, der man während ihres Martyriums die Zähne ausgeschlagen hatte. Daneben zeichneten sich heilige Personen durch ihre aufopfernde Pflege von Kranken bei Epidemien, wie der Pest, aus, zum Beispiel der Hl. Rochus. Man fand für fast alle Probleme des Lebens Heilige, die sich besonders als Fürsprecher im Himmel eigneten.
Doch wie kommt man einem Heiligen nahe, der schon lange verstorben ist? Hier helfen Reliquien weiter. Den Knochen oder Gegenständen aus dem Besitz des Heiligen maß man die gleiche Wundermächtigkeit bei wie dem Heiligen selbst. Kein Wunder, dass ein florierender Markt einsetzte, bis hin zu Diebstahl und Raub, um an Reliquien zu kommen, die ein gutes Geschäft versprachen. So entführte Rainhald von Dassel, Erzbischof von Köln und Kanzler Kaiser Friedrich Barbarossas, 1164 die Gebeine der Heiligen Drei Könige als Kriegsbeute aus dem eroberten Mailand nach Köln, wodurch Köln zu einem der bedeutendsten europäischen Pilgerziele wurde und wirtschaftlich enorm profitierte.
Wie war die Situation in Andernach und Umgebung? Da Andernach auf dem Weg nach Aachen und Köln am Rhein liegt, kamen bei der alle 7 Jahre stattfindenden Wallfahrt im Mittelalter regelmäßig viele Pilger vorbei, die hier auch verpflegt wurden. Es gibt aus dem 16. Jh. einen Matthiasaltar im Mariendom und einen Reliquienschrein, der wohl auch Reliquien des Heiligen enthielt. In der Süd-West-Ecke der Kirche steht das sogenannte „Zehresgräbchen“, ein romanischer Sarkophag aus dem ehemaligen St. Thomas-kloster, welcher als wundertätig galt. So hat man die Kleider an Tuberkulose Erkrankter auf ihm abgelegt, was zur Heilung beigetragen haben soll. In Nickenich wird seit dem 16. Jh. der Heilige Arnulfus (Bischof aus Metz, 6. Jh.), Patron der Brauer und Müller auch als Helfer gegen die Tollwut als Schutzpatron verehrt. In Bad Tönisstein bei Andernach fand wie eine Legende besagt, ein Hirte eine Pietà mit dem Bildnis des Hl. Antonius in einem brennenden Dornbusch, woraufhin dort das Karmeliterkloster Sankt Antoniusstein (Tönisstein) erbaut wurde. Das Brunnenwasser wird als Heilwasser gehandelt.
Und wir aufgeklärten Menschen heute? Ist der Glaube an Heilige Vergangenheit? Schaut man nach Rom, so beweist die jüngste Heiligsprechung eines italienischen Teenagers namens Carlo Acutis („Cyber-Apostel“) das Gegenteil. Sehr viele Jugendliche pilgerten schon zu seinem Grab. Fazit: Der Mensch braucht Hoffnung und ab und zu ein Wunder.
Nächste Veranstaltung: Exkursion nach Bacharach, 23. Mai 2026.
